10.10.2011

Pyros und Anreize

Warum “Nulltoleranz” gefährlich sein kann

Das Abbrennen von Pyro-Fackeln in der Nähe von Menschen kann lebensgefährlich sein und ist deshalb in Fussballstadien verboten. Dennoch schaffen es einige Leute fast bei jedem Spiel, Pyros ins Stadion zu schmuggeln. Die Verantwortlichen sind offenbar nicht in der Lage, strikte Kontrollen durchzuführen. Und die Richter sind sich darüber uneins, ob das Mitführen von Pyros bereits eine strafbare Vorbereitungshandlung ist oder nicht. Deshalb fragt sich, mit welchen Regeln man die richtigen Anreize setzen könnte, um Pyros in Stadien zu verhindern.

Ein aktuell unter dem Stichwort “Nulltoleranz” diskutierte Regel besagt, dass beim Zünden von Pyros oder Petarden das Spiel durch den Schiedsrichter sofort abgebrochen werden muss. So geschehen beim Derby Grasshoppers – FC Zürich vom letzten Sonntag. Was nach entschlossenem Durchgreifen klingt, ist leider nicht anreizkompatibel.

Wem nämlich der Verlauf des Spiels missfällt, braucht nur eine Pyro zu zünden und schon wird das Spiel abgebrochen. Mit der Nulltoleranz-Regel wird jedem entsprechend vorbereiteten Zuschauer die Möglichkeit gegeben, den Spielverlauf massgeblich zu manipulieren. Droht eine Niederlage, werden einfach Pyros gezündet. Das sind klar die falschen Anreize.

Man könnte nun darauf hoffen, dass die echten Fussballfans aufgrund dieser Regel versuchen, das Schmuggeln und Zünden von Pyros durch Chaoten zu verhindern. Allerdings zweifle ich am Durchsetzungsvermögen einer Fan-Polizei.

Stattdessen ist eher anzunehmen, dass noch mehr Pyros geschmuggelt werden, da sich manche Zuschauer auf eine allfällige Niederlage ihrer Mannschaft vorbereiten wollen.

Prinzipiell besser wäre die Regel, wonach beim Zünden von Pyros durch Anhänger einer Mannschaft dem anderen Team sogleich der Sieg zuerkannt würde. Leider dürfte eine klare Feststellung der Zugehörigkeit der Täterschaft zu einer der beiden Mannschaften in der Praxis unmöglich sein. Zudem bestünde ein enormer Anreiz, Fans mit Pyros ins gegnerische Lager einzuschleusen.

Somit bleibt die Einsicht, dass Spielverlauf und -ergebnis unabhängig vom (Fehl)Verhalten der Zuschauer sein müssen. Und es bleibt nichts übrig als bauliche Massnahmen und strengere Kontrollen durchzuführen. Diese aber bitte nicht zulasten der Öffentlichkeit, sondern der Clubs und Zuschauer.

Kommentare

“Und es bleibt nichts übrig als bauliche Massnahmen und strengere Kontrollen durchzuführen.”? Ist das nicht evtl. zu kurz gedacht?

2014 ist das Letzigrund-Stadion Schauplatz der Leichathletikeuropameisterschaften. Deren Zuschauer brauchen “keine baulichen Massnahmen”, sprich sie brauchen nicht in Sektoren eingesperrt werden. Ausserdem behindern diese “baulichen Massnahmen” die rasche evtl. notwendige Evakuierung, z.B. bei einer Massenpanik bei einem Musikkonzert. Wie oft schon wurden diese Notausgänge im Notfall nicht rechtzeitig aufgesperrt!
Mir persönlich wären Massnahmen wie in England (Steuerung über den Preis: die pöbelnde Unterschicht wird damit ausgegrenzt), in Spanien und weiteren Ländern (Fans der Gastvereine werden grundsätzlich nicht ins Stadion gelassen) oder die Lösungen der FIFA (1. nur Sitzplätze, da sitzende Zuschauer sich i.d.R. friedlicher Verhalten; 2. weitgehende persönliche Registrierung der Zuschauer wie an den WM in Deutschland und Südafrika) da dann doch lieber.

Ich kann den Ausführungen von Prof. Slembeck beipflichten. Spielabbruch oder ähnliche, ins Spiel oder Resultat eingreiffende Massnahmen sind zu unterlassen, werden doch zu viele negative Anreize dadurch geschaffen. Ich wunderte mich bei der Idee des Spielabbruchs doch sehr, dass diese nicht zum Vornherein ausgeschlossen wurde.

Allgemein muss vielleicht erwähnt werden, dass das Thema vor den Wahlen doch von einigen Politikern aufgegriffen wurde, dies sicher auch aufgrund der steigenden Popularität von SR Karin Keller-Sutter. Dass nun auch aus den Reihen von Klubverantwortlichen solche Vorschläge kommen, ist besorgniserregend.

Den einen Vorschlag von Gerald kann ich gar nicht unterstützen, die Steuerung durch den Preis. Gehen Sie einmal ein Spiel in der unteren englischen Liga schauen und Sie wissen, was ich meine. Die Probleme wurden in England nicht gelöst, sondern in die unteren Ligen verschoben. Nun müssen dies finanziell schwächere Vereine lösen. In England haben diese Vereine immernoch Millionenbudgets, in der Schweiz nicht. Dies hätte verherende folgen und die öffentlichkeit müsste noch tiefer in den eigenen Sack greiffen, weil die Vereine nicht die finanziellen möglichkeiten hätten, dagegenzuwirken.
Gästefans ausschliessen würde ich persönlich schade finden, habe ich meine schönsten Erinnerungen an meine aktive (friedliche) Fanzeit bei den Auswärtsspielen. Und nebenbei konnte ich einige interessante Städte in der Schweiz kennen lernen, vor allem in der damaligen NLB, jetzt Challange League.

Ich sehe die Lösung jedoch am ehesten in Ihrem dritten Vorschlag. Wenn die Lösung ganzheitlich angegangen wird, kann sogar einer weiteren Herausforderung entgegengewirkt werden, dem Schwarzhandel. Mit personalisierten Tickets, welche nur mittels Ausweis und lautend auf diese Person ausgestellt wird und nur in Kombination zum Eintritt berechtigt oder welche über identifizierte Accounts bei Anbieter wie Ticketcorner bezogen werden können, kann beiden Problemen entgegengewirkt werden. Jedoch haben die Anbieter von Tickets kein grosses Interesse, den Schwarzmarkt vollends auszutrockenen, sondern nur diese, welche gefälschte Tickets verkaufen und nicht diese, welche selber grosse Mengen von Tickets zukaufen um sie dann zu überhöhten Preisen weiterzuverkaufen. Die Anbieter profitieren von solchen Kunden. Zusätzlich scheuen sie die Kosten, welche eine Identifizierung ihrer Kunden nach sich ziehen würde. Ohne Druck wird sich hier kaum etwas bewegen.

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