18.05.2016

Einkaufstourismus und Preisempfehlungen

Preisstrategien grosser Marken tragen massgeblich zum Einkaufstoursismus bei

Der Schweizer Detailhandel leidet unter dem Einkaufstourismus. Ihm entgehen pro Jahr ca. 11 Milliarden CHF. Gemäss dem Bundesamt für Statistik sind in den letzten vier Jahren 6000 Stellen im Detailhandel verloren gegangen. Der Wirtschaftsminister schätzt das Potential gar auf 30 Milliarden CHF pro Jahr. — Nicht nur der starke Schweizer Franken, sondern auch die Preisstrategien internationaler Konzerne und Marken haben einen wichtigen Anteil an dieser Entwicklung.

Dass internationale Firmen in verschiedenen Ländern unterschiedliche Preise verlangen, ist eine übliche Praxis der Preisdiskriminierung. Aufgrund der hierzulande höheren Kaufkraft sind viele Markenprodukte bei uns rund 20% teurer.

Ökonomisch gesehen lassen sich solche Preisunterschiede für identische Güter nur aufrecht erhalten, solange die Transaktionskosten für den Kauf im Ausland höher sind, als die Preisdifferenz. Hierzu zählen vor allem die Fahrtkosten und die Zeitkosten. — Auf der anderen Seite schlägt neben dem günstigen Wechselkurs aber auch die Rückerstattung der Mehrwertsteuer (Deutschland 19%) positiv zu Buche.

Bei übermässig hohen Preisdifferenzen ist der Einkaufstourismus vorprogrammiert

Insbesondere bei Kleidern und Kosmetika liegen die Schweizer Preise bis zu 100% über den deutschen oder österreichischen Preisen.

Beispielsweise kostet eine Hose in Deutschland 54,95 Euro, bei uns aber satte 98,90 CHF (siehe Foto oben). Unter Abzug der MwSt und bei einem Kurs von 1.10 für den Euro, kostet mich die Hose in Deutschland 49 CHF (sofern ich bei der Einfuhr unter der Freigrenze von 300 CHF bleibe). Somit ist sie bei uns doppelt so teuer!

Dass es sich dabei lediglich um ein “unverbindliche Preisempfehlung” handelt, ist unerheblich. Denn der Schweizer Fachhandel hält sich in aller Regel an die vorgegebenen Preise. In der Folge wandern die Kunden über die Grenze ab.

Wie kann das sein?

Offenbar sind grosse Marken in der Lage, beim Schweizer Detailhandel hohe Preise durchzudrücken. Werden die “empfohlenen” Preise nicht eingehalten, droht ein Lieferboykott. Unser Handel kann nicht darauf verzichten, gewisse Marken zu führen, weil der Kunde diese im Sortiment erwartet und weil fast alle Marken diese Methode einsetzen.

Andererseits ist die Marge auf den (dennoch) in der Schweiz abgesetzten Produkten für die ausländischen Lieferanten derart phänomenal, dass sie den Einkaufstourismus bewusst in Kauf nehmen. — Wenn der Kunde die überteuerte Ware nicht in der Schweiz kauft, holt er sie eben im Ausland – so die Logik der internationalen Markenbesitzer und Konzerne.

Detailhandel in der Bredouille

Wer letztlich am meisten leidet, ist unser Einzelhandel. Einerseits drücken die Lieferanten hohe Preise durch und auch die sonstigen Kosten (z.B. Löhne) sind höher als im Ausland und andererseits wandern die Kunden ab. Das kostet Arbeitsplätze. — Aber auch dem Staat entgehen hunderte Millionen Franken an Steuereinnahmen.

Weil die Schweiz im internationalen Vergleich für viele Konzerne und Marken nur ein kleiner Absatzmarkt ist und unsere Detaillisten deshalb nur wenig Verhandlungsmacht haben, wird sich an dieser Situation in nächster Zeit wohl nicht viel ändern. – Ausser der Euro wird wieder stärker…

Kommentare

Das Thema der massiven Preisdifferenzen beschäftigt mich seit Jahren. Schon im Mai 2011 war ich beim Hosenkauf darauf aufmerksam geworden…

http://www.slembeck.ch/blog/?p=1262

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