5.10.2015

Blinder Fleck im Gesundheitswesen – Schnelligkeit kostet

Rekordhohe Kapazitäten erlauben schnellen Zugriff auf Gesundheitsleistungen, führen aber zu massiven Kosten

Alle Jahre wieder steigen die Prämien der Krankenkassen. Dies ist ebenso gewiss, wie das nachfolgende Wehklagen der Prämienzahler. Allerdings müssen sich diese auch ein wenig selbst bei der Nase nehmen. Denn der Prämienanstieg beruht auf dem Kostenanstieg. Dieser hat zwar viele Ursachen, doch ein wichtiger Faktor ist folgender: Als gesunde Bürger wollen wir tiefe Gesundheitskosten, sobald wir aber krank sind, wollen wir als Patienten nur das Beste. Und zwar schnell – das kostet.

Denn unser Gesundheitssystem kennt weltweit die kürzesten Wartezeiten. Dies ist uns vielfach nicht bewusst. Wenn wir aber ins Ausland schauen, möchten wir nicht tauschen. In Frankreich, Italien, Grossbritannien und den meisten anderen Industrieländern gibt es für viele Untersuchungen monatelange, teils jahrelange Wartelisten.

In manchen Regionen von Australien mussten Frauen schon mehr als vier Jahre warten, bis sie von einem Gynäkologen untersucht werden konnten. Weitere Beispiele habe ich bereits früher einmal in diesem Blog gegeben.

Von solchen Zuständen sind wir glücklicherweise weit entfernt. Der schnelle Zugang zu Gesundheitsleistungen bedeutet aber, dass bei uns grosse Kapazitäten vorhanden sind, deren Aufrechterhaltung kostet. Zudem besteht die Gefahr, dass bestehende Kapazitäten, wie etwa frei Betten oder Labors, bei fehlender Auslastung künstlich belegt werden. Das kostet zusätzlich.

Und schliesslich ist es so, dass leider niemand wirklich ein Interesse daran hat, dass die Kosten gedämpft werden. Denn alle im Gesundheitswesen verdienen gut mit. Der Prämienjammer einmal pro Jahr lässt sich da gut ertragen.

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Dieser Text ist am 4. Oktober 2015 in meiner Kolumne im Sonntagsblick in gekürzter Form erschienen.

Kommentare

Wie könnte man seiner Versicherung klar machen, dass man selber auf die Kosten aufpasst – nicht mehrmals zu verschieden Doktor fųr Dasselbe zu gehen, nicht wegen jedem Weh sich behandeln lassen, einfache und Minimalbehandlung anstrebt und daher nicht zuerst zum Hausarzt gehen will der uns dann weiterleitet oder die ensprechende Physiobehandlung “sowieso” anordnet um die Kosten tief zu halten ?

@JD Mottier:
Sehr gute Frage!
Das Signal an die Versicherer läuft über die Wahl der Franchise und des Versicherungsmodells. Wer sich so verhält wie Sie, wählt das Hausarzmodell und eine hohe Franchise. Der Hausarzt sollte dann (idealerweise) kleinere Probleme selbst behandeln und Überweisungen nur machen, falls es wirklich nötig ist.
Bedingung ist hier, dass die Grundversorger als Gatekeeper ausgebildet sind.

Aber leider gibt es kein Patentrezept.
Denn wer zu spät zu Arzt geht, verursacht möglicherweise anschliessend höhere Kosten, als wenn er gleich gegangen wäre.

Aufgrund der immanenten Unsicherheit lässt sich das Spannungsfeld zwischen “zu früh und zu viel” behandeln (und damit unnötige Kosten verursachen) einerseits, und “zu spät und zu wenig” behandeln (und damit manchmal ebenfalls hohe Kosten verursachen) andererseits, grundsätzlich nicht ausschalten.

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