10.05.2010

Hellenischer Sündenfall und NewEuro

Die vermeintliche Rettung Griechenlands ist ein wirtschaftspolitischer Sündenfall. Denn erstens löst das Rettungspaket von EU und IWF die griechischen Probleme nicht und es verzögert (oder verhindert?) die nötige Umschuldung. Und zweitens ist es eine Einladung für andere Sub-Prime-Staaten, sich auf einen Bailout durch die EU zu verlassen, was den Druck auf den Euro noch verstärkt.

Genau dies haben EU und IWF nun aber zusätzlich signalisiert, indem letzte Nacht ein Mammutpaket von 750′000′000′000 EURO bereit gestellt wird. Es ist der verzweifelte Versuch, das Zeitinkonsistenzproblem der EU-Politik zu überwinden. Der hellenische Sündenfall weitet sich zum europäischen Sündenfall. Die Einmaligkeit der Rettung Griechenlands lässt sich eben nicht glaubhaft machen (Details dazu hier). Zwar haben die Börsen zunächst positiv reagiert, doch wird gleichzeitig der Druck von den Schuldenregierungen des “Club Mediterranee” genommen, endlich tiefergreifende Reformen anzugehen, um die Maastricht-Kriterien wieder zu erfüllen.

Unglaubwürdige und mutlose Politiker

Zwar soll der Zugriff auf den neuen Mega-Geldtopf — der vorläufig nur aus Kreditversprechungen besteht und von dem alle hoffen, dass die Versprechen nie eingelöst werden müssen — nur unter Einhaltung strenger Auflagen möglich sein. Doch wie glaubhaft ist diese Drohung angesichts der Erfahrungen mit dem Papiertiger der Maastricht-Kriterien denn noch?

Man hätte sich den ganzen Zauber sparen können, wenn sich die EU-Politiker an ihre eigenen Regeln gehalten hätten. Zu einer Euro-Ausstiegsklausel bei massiver Regelverletzung hatte damals in Maastricht schlicht der Mut gefehlt. Man agierte nach dem Motto: Wenn wir den Fall nicht vorsehen, wird er schon nicht eintreten…

Somit wird klar, dass es sich um ein Politikversagen handelt, nicht um ein Marktversagen aufgrund gieriger Spekulanten, wie manche meinen. Letztere sind sicher auch am Werk, doch hat ihnen die Politik erst die Möglichkeit für ihr Tun geschaffen. Die alte Weisheit gilt eben immer noch: Kapital ist geil wie ein Bock und scheu wie ein Reh.* Daran führt ebenso kein Weg vorbei, wie am Zeitinkonsistenzproblem der Politik.

NewEuro?

Langfristig sehe ich deshab eher ein Szenario, in welchem die sich die Eurozone in Länder mit und ohne Haushaltsdiziplin aufteilt. Weil es institutionell und politisch kaum möglich sein wird, die sü(n)dlichen Länder vom Euro auszuschliessen, könnte es zu einer neuen Eurozone kommen. Für die nördlichen Länder könnte es sich durchaus als vorteilhaft erweisen, einen eigenen neuen Euro — NewEuro, NordEuro, NEuro ? — zu lancieren.

*Philipp Hildebrand, SNB Präsident, hat gestern zum Verhalten der Börsianer einen sehr bedenkenswerten Satz gesagt: “Im Finanzbereich werden die Marktteilnehmer immer bis an die Grenzen gehen, die man ihnen setzt.

Kommentare

“Somit wird klar, dass es sich um ein Politikversagen handelt, nicht um ein Marktversagen aufgrund gieriger Spekulanten, wie manche meinen.”
Da muss ich Dir Recht geben. Griechenland ist mit 300 Mrd. verschuldet. Der Anteil an Credit Default Swaps (Kreditausfallversicherungen) macht nach Hilmar Kopper (Ex-Vorstand der Deutschen Bank) ca. 6 Mrd. bzw. 2% aus. Die Märkte spekulieren nicht gegen den Euro oder gegen Griechenland, es ist das Versagen der Politiker.

Dieses Politikversagen ist aber für Schweizer doch nachvollziehbar? Am 7. März stimmten sie über die Senkung des BVG-Mindestumwandlungssatzes ab, mit dem Ergebnis, dass im Schnitt jeder Berechtigte 200 000 CHF einzahlt aber weiterhin 220 000 kassiert.

“Für die nördlichen Länder könnte es sich durchaus als vorteilhaft erweisen, einen eigenen neuen Euro — NewEuro, NordEuro, NEuro ? — zu lancieren.”
Diese Argumente habe ich zuerst von Herrn J. in den Schweizer Tageszeitungen gelesen und dann auf TeleOstschweiz und TeleZüri von ihm nochmals gehört. Wohin würde dies aber führen? Die südlichen Länder würden ihren AltEuro an den NordEuro koppeln, so wie es momentan China mit dem Renmimbi an den US-Dollar macht und Argentinien früher mit dem Peso an den US-Dollar. Das würde das Problem der zu hohen Staatsverschuldung nicht lösen.

Derselbe Herr J. warb heftigst dafür, die relativ “reichen” UBS-Mitarbeiter zu retten, die relativ arme Bevölkerung Griechenland soll aber sich selbst überlassen werden. Was ist das für eine Moral?

Wer sollen diese Nordländer denn sein? Frankreich hat einen viel zu grossen Staatsapparat und ein grosszügiges Rentensystem, so dass weite Teile der Arbeitnehmer mit 60 in den Ruhestand gehen. Und sie haben mit Christine Lagarde eine Finanzministerin, die vor ein paar Wochen Deutschland zu niedrige Löhne vorgeworfen hat. Auch in den Nordländern haben wir weitgehend (inkl. Deutschlalnd) Politikversagen.

Bezüglich N-Euro: Ich hatte nicht mitbekommen, das F.J. die Idee ebenfalls aufgebracht hatte, aber sie ist sehr naheliegend. Allerdings würde ich nicht von einer “politischen Spaltung” in Nord und Süd ausgehen. Mein Szenario sieht etwas anders aus.
Man kann den Club-Med-Ländern den bestehenden Euro aus politischen Gründen ja nicht einfach wegnehmen. Zudem wäre das auch ökonomisch falsch, denn die Menschen in diesen Ländern würden vorgängig alle ihre Euros von den Banken abziehen, sobald man versucht, die alten Währungen wieder einzuführen. Das europäische und damit weltweite Bankensystem würde zusammenbrechen. Selbst wenn dies nicht geschieht, bliebe der Euro in den heutigen Euroländern als Parallelwährung weiter bestehen.
Alle jene Länder, die sich auf neue, stabilitätsorientierte Regeln einigen, könnten stattdessen eine neue Währung einführen. Dabei reicht es wohl nicht, die Maastricht-Kriterien zu überarbeiten. Insbesondere wäre es ungenügend, die Regeln zu verschärfen oder höhere Bussen anzudrohen, denn das Zeitinkonsistenzproblem lässt sich auf diese Weise nicht überwinden, wie wir gesehen haben.
Bedingung wäre — neben einer Erfüllung der Voraussetzungen für einen optimalen Währungsraum — wohl auch eine zentrale Koordination der Fiskalpolitik der teilnehmenden Länder. Ob die Staaten allerdings bereit wären, ihren Haushalt durch eine EU-Institution absegnen zu lassen, ist fraglich. Immerhin ergibt sich in diesem Szenario die Möglichkeit einer Abwertung des alten Euro bei ungenügender Haushaltsdisziplin, während der N-Euro stabil bleibt.
Natürlich wäre es denkbar, dass die alten Euroländer versuchen, den alten Euro an den N-Euro zu “binden” (sog. pegging). Dies bedingt allerdings, dass die Zentralbank regelmässig interveniert, um den Kurs zu stabilisieren. Ein anhaltender Abwertungsdruck aufgrund der Defizite der Alt-Euro-Länder könnte auf diese Weise wegen mangelnder Währungsreserven und ungenügenden Exporten dieser Länder nicht kompensiert werden. Das pegging wäre also nicht durchzuhalten oder die Länder müssten ihre Haushalte in Ordnung bringen. So gesehen wäre ein currency peg zwischen altem und neuem Euro kaum problematisch für letzteren.

NZZ: Welcome to the Club!
An diesem Wochenende hat nun auch die NZZ betont, dass es sich um ein Politikversagen, nicht ein Marktversagen handelt.
Chefredaktor Markus Spillmann schreibt am Samstag im Leitartikel: Die Griechenland-Krise hat die Schwächen der Euro-Zone schonungslos aufgedeckt. Nicht Spekulanten gefährden den Wachstums- und Stabilitätspakt, sondern ausbleibende.
Und heute Sonntag schreibt sie im Teil “Hintergrund”, S.15:
Staatschefs machen Spekulanten für die Krise der Währungsunion verantwortlich. Doch Spekulanten decken bloss das Versagen der Politiker auf.
Liest die Redaktion meinen Blog?

Bereits 1997 hatte das EU-Parlament betont, dass die Neuverschuldungsgrenze von 3% des BIP nicht überschritten werden dürfe und Überschreitungen geahndet werden müssen. Dass Länderschulden eines Tages in EU-Schulden gewandelt werden könnten, ahnte das Parlament schon damals und warnte in einer Entschliessung vom Mai 97*:

Es ist in bezug auf die etwaige Übertragung bestimmter nationaler Haushaltslasten auf die Gemeinschaft und die dazugehörige Finanzierung höchste Vorsicht geboten. Wir werden später sehen, in welcher Weise eine solche Übertragung möglich wäre.

2010 haben wir es gesehen…

*Entschließung zur Koordinierung der Haushalts- und Steuerpolitiken in der Währungsunion

[...] der Haushalts- und Steuerpolitiken in der Währungsunion” gefasst; vgl. ausführlicher den Blogeintrag vom Mai 2010 sowie die Kommentare dazu. Bookmark on Delicious Digg this post Recommend on Facebook share via [...]

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